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Falschspieler

eBooks und Standardprobleme

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Auf dem Bibcamp in Hamburg fand eine Session mit ca. 6-8 KollgeInnen mit dem etwas reisserischen Titel “Mafia-Verlage” statt. Da es spannende Konkurrenz zu der Session gab (z.B. Leidenschaft! Ideen für begeisternde Bibliotheksservices oder auch Fachkommunikation im Bib- und Infobereich), hatte ich nicht damit gerechnet InteressentInnen für die Session zu finden, schönen Dank an die TeilnehmerInnen! Der Titel kam zustande, weil ich kurz vor und auch auf dem BibCamp zufällig über die offensichtlich gängigigen Geschäftspraktiken von Verlagen im eMedien-Geschäft zu hören bekam und mich das sehr stark an mafiöse Strukturen erinnerte.

Ich habe selbst beruflich nichts mit Verhandlungen mit Verlagen, Vertretern derselben oder Überwachung von Lizenzverträgen o.ä. zu tun!

Mein derzeitiges Interesse an dem Thema resultiert, wie oben beschrieben, aus meinen praktischen Erfahrungen bei Nutzeranfragen im Servicebereich und diversen Gesprächen mit KollegInnen. Diese Erfahrungsaustausch fand vor und während des BibCamps in Hamburg und auch danach noch, z.B. auf dem Bibliothekartag, statt. Offensichtlich hat eine große Anzahl von KollegInnen immer die gleichen Probleme mit den Angeboten diverser Verleger.

Die KollegInnen berichteten von alltäglichen Problemen, so unter dem Motto “das ist doch nichts besonderes”. Es ist offensichtlich normal, dass die abonnierten und bezahlten Titel nicht zugreifbar sind, und, schlimmer noch, viele Verlage bei Reklamationen nur sehr schleppend reagieren (aktuelles Beispiel bei uns: Reaktionszeit nach Meldung: 5 Tage).

Eines der größten Probleme, mit dem offensichtlich viele zu kämpfen haben, ist die Zugriffskontrolle. Es gibt keine (mir bekannten) Verfahren oder Mechanismen, mit denen kontrolliert werden kann, ob die hunderte oder tausenden von eBooks, eJournals oder Datenbanken überhaupt verfügbar bzw. erreichbar sind.
Wenn man Glück hat, melden sich die eigenen Wissenschaftler oder StudentInnen, wenn sie keinen Zugriff haben. Wie die Erfahrung aber zeigt, passiert das nur, wenn der Bedarf nach bestimmten Titeln sehr groß ist, sonst wird durchaus auch am nächsten Tag bzw. so lange versucht, bis es wieder funktioniert, ohne die Bibliothek zu informieren.

Fälle aus der Praxis:

Komplettsperrung des Angebotes ohne Benachrichtigung

Der Verlag sperrt bei Verletzungen des Vertrages – die von der Bibliothek nicht feststell- bzw. kontrollierbar sind – ohne Ankündigung und Benachrichtigung das komplette Angebot. Wenn man Glück hat, bekommt man als zahlender Kunde irgendwann mit, daß das Angebot nicht mehr zur Verfügung steht. Solche Vertragsverletzungen passieren z.B., wenn Benutzer mit normalen Downloadmanagern auf die Bestände zugreifen.

Keine Information bei Zugriffsänderungen

s.o. Es kann passieren, dass die im Katalog erfassten URLs der Zeitschriften oder Bücher ohne Mitteilung geändert werden.

Fehlende Transparenz, die für die Bewertung von Angeboten wichtig ist

Den Zuständigen/Verantwortlichen in den Bibliotheken fehlt oft das Wissen um die Bepreisung der Angebote. Sind z.B. 10% Aufschlag/Jahr für die zusätzliche Bereitstellung der E-Ausgabe einer Zeitschrift ein gutes Angebot? Oder vielleicht doch eher ganz normal?

Lustige Inkasso-Verfahren

Die Bibliothek als Institution der Universität bekommt nicht nur die Rechnung über die von ihr bezogenen E-Angebote, sondern soll auch gleich die von Instituten bezogenen E-Angebote vom selben Verlag bezahlen: Argument des Verlages. “So ist es für uns einfacher, Sie können ja eine Rechnung stellen” (an das Institut).

Keine Möglichkeit, die Erreichbarkeit der Angebote zu verifizieren

Die Bibliotheken sind darauf angewiesen, Information über nicht erreichbare Angebote von den Nutzern zu bekommen.

Werkzeuge, mit denen die Erreichbarkeit geprüft werden könnte (Pings) stehen nicht zur Verfügung

Das die Intransparenz der Verlagsangebote nicht nur in Deutschland ein Problem ist, zeigen auch erste Einträge auf dem noch recht frischen LISVendor-Wiki. Einer der ersten (und bis jetzt ziemlich einsame) Eintrag befasst sich mit den “Nondisclosure Agreements“.

Auch in den USA gibt es inzwischen viele KollegInnen, die sich über “nicht so gelungene”, aber in der Fachpresse neutral bis gut bewertete Produkte austauschen.

So schreibt Sarah Houghton-Jan in ihrem Artikel Just say no to Freegal | Librarian in Black Blog – Sarah Houghton-Jan

Historically, librarians only publicly post about the positive experiences they’ve had with vendors. The negatives seem to only come out at late night drinking fests at conferences or in private conversations. I believe this lack of willingness to speak frankly about the companies we buy stuff from is due to three problems:

  1. As a profession, we’re generally nice people and don’t like to talk smack about anyone. This is generally a wonderful trait, but when we’re talking about allocating our scarce resources it can be extremely detrimental.
  2. Librarians are afraid of repercussions at work, including being disciplined, yelled at, or just plain fired.
  3. Librarians are afraid of the vendors, who they think might give them worse prices and support if they bad-mouth the product.

Das von ihr gescholtene Produkt Freegal gibt es bei uns (noch) nicht, ist aber in den dortigen ÖBs aber wohl ziemlich beliebt. Verkürzt geht es darum, dass die Bibliothek an den Anbieter eine gewissen Summe zahlt und die Bibliotheksbenutzer sich dann Musik auf ihre Rechner laden können, bis die Summe verbraucht ist. Die dort angebotene DRM-freie Musik von Sony verschwindet also nicht – wie bei der Onleihe – nach x Tagen vom Gerät, sondern bleibt bei den Kunden. Es findet also keine “Leihen” sondern ein “Kaufen” statt. Wie sinnvoll das ist, kann jede/r selbst bewerten.

Auch der Artikel von Meredith Farkas Has EBSCO become the new evil empire? hat genau wie der o.g. Artikel von Sarah Houghton-Jan eine Menge an zustimmenden Kommentaren hervorgerufen

Was fehlt bei uns

  • Vielleicht ein zentrales Instrument wie z.B. ein Watchblog, in dem zeitnahe Infos über Störungen und Ausfälle erscheinen…
  • Standardmahnung an die Verlage bei Nichterreichbarkeit. Selbst erlebt: Nach Tagen kommt die Mitteilung “Jetzt geht es wieder” und natürlich ist keine Rede von Kompensation für die Dauer das Ausfalls
  • Juritstische Unterstützung, Vertrag könnte ja von der Bibliothek gestaltet und nicht nur abgenickt werden, vgl. die Erfahrungen im Artikel Von Tauben und Spatzen: eine kleine Bibliothek und die E-Books
  • In der Fachkommunikation gibt es zwar einen Austausch bzw. Informationen über Konsortien, Bezugsquellen etc. allerdings weniger über “schlechte Erfahrungen” mit Anbietern und z.B. den Umgang mit Reklamationen
  • Praktisch wären sicher Vergleichsmöglichkeiten für Verträge, vgl. auch Cornell University Library Takes Stand Against Non-Disclosure Agreements
  • Vielleicht wäre etwas ähnliche wie Lebensmittelklarheit auch für Verlagsangebote ganz nützlich? ;-)

Einige Probleme beim Erwerb von eMedien speziell für kleinere Bibliotheken hat ja Dörte Böhner in ihrem gestrigen Beitrag Von Tauben und Spatzen: eine kleine Bibliothek und die E-Books recht ausführlich und beeindruckend beschrieben.

Ich bin zwar schon einige Jahre im Beruf, habe mich aber in letzter Zeit erstmals mit dem Thema näher beschäftigen müssen. Besonders beeindruckte mich, dass meine Erlebnisse keine bedauerlichen oder skurrilen Einzelfälle waren, sondern bei KollegInnen quer durchs Land wohl bekannt waren bzw. sind…

Oft geht es zwar um technische Mängel, aber durchaus auch um mehr oder weniger subtile Beeinflussungen, wenn z.B.  Vertreter in Aktion treten “Ich habe Angebote, die man nicht ablehnen kann, allerdings müssen Sie sich schnell entscheiden, wenn Sie bei mir jetzt nicht zusagen, müssen Sie die weiteren Vertragsverhandlungen leider mit den KollegInnen unserer Hauptverwaltung in den USA führen.”
Oder auch die sicherlich gut gemeinte Information an die für den Erwerb zuständige Fachreferentin “Achja, bevor ich Sie in der Bibliothek besuche, werde ich noch verschiedene Professoren in der Universität aufsuchen, um sie mit unseren neuen eMedien bekannt zu machen. Evtl. kommen diese dann auf Sie zu, z.B. wg. der Bezahlung usw…”

Gibt es woanders ähnliche Erfahrungen oder sind das doch eher bedauerliche Einzelfälle?

(Symbolbild: By Nocturne at de.wikipedia [Public domain], from Wikimedia Commons)

3 Kommentare

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  3. Hallo,

    das sind durchaus ärgerliche Dinge, wobei die Bibliothek als Kunde aber durchaus Möglichkeiten hätte, die Qualität der Angebote zu kontrollieren.

    1. Ein übliches Vorgehen bei online-Angeboten ist es ein Servicelevelagreement in den Vertrag zu schreiben, der die Verfügbarkeit festschreibt – z.B. 99,7% (das wäre für Hosting üblich).

    2. Die Einhaltung selbst kontrollieren. Das muss natürlich auf die betreffende Einrichtung angepasst werden. Tools dazu sind ausreichend auch im Open Source Bereich vorhanden:
    beispielsweise Selenium oder Nagios.

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