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BBluesman, Black Market (CC BY-NC-SA, http://www.flickr.com/photos/bbluesman/6265764549/)

Verschämtes, verschwiegenes Lesen und Arbeiten online — Wir müssen reden

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Jens Mittelbach hat in seinem Weblog vor ein paar Wochen an einem aktuellen Beispiel gezeigt, daß die “Informationskompetenz” von Bibliothekaren und Medienpädagogen leider nicht immer auf dem Stand der Zeit ist, aber dennoch als Standard “richtiger” Informationsbeschaffung und -verarbeitung dargeboten wird.

Gerade die vermeintlich moderne (digital, interaktiv, selbstgesteuert etc.) Form eines Online-Selbsttests transportiert in Jens Mittelbachs Beispielfall den hohen normativen Anspruch der Fragesteller. Teste dich selbst — wir kennen die richtige Antwort bereits, aber auch die Versuchung, bei der “Suche nach aktuellsten Informationen” neben “(Fach-)Zeitschriftenartikel in gedruck­ter Form oder im Inter­net” (das wäre die einzige korrekte Antwort gewesen) auch Wikipedia und Twitter (falsche Antwort) zu benutzen!

Ich will an dieser Stelle nicht erneut darlegen, was an diesen vermeintlichen Standards der Informationskompetenz falsch ist; wer ‘aktuellste (Fach-)Zeitschriftenartikel’ zum Thema Informationspraxis kennt (Beispiel), wird das bereits wissen. Mich interessiert vielmehr: Welche soziale Realität schaffen wir im Zusammenspiel mit den ‘Informationskompetenz-Lernenden’, wenn wir aktuelle Entwicklungen ignorieren, und wenn die Lernenden in unserem Lehrangebot vor allem die Maßstäbe der Prüfer und Hausarbeiten-Gutachter wiedererkennen, und weniger eine pragmatische Unterstützung beim Bewältigen der Hausarbeit?

Eine interessante Antwort darauf gibt der Weiterbildungs-Experte David White (Blog, Twitter, Arbeit). Er spricht von einem Learning Black Market, der durch die wechselseitige Abschottung des realen Hausarbeiten-Schreibens von den Informationskompetenz-Schulungen entstehe. Seinen Beobachtungen zufolge werden viele Hausarbeiten auf dem folgenden Weg geschrieben:

  1. Suche mit Google
  2. Umschreiben von Teilen des gefundenen Wikipedia-Artikels
  3. Nennung der Wikipedia-Literaturnachweise als Quelle
  4. Ad-hoc-Zusammenarbeit mit Mit-Studenten via Facebook unmittelbar vor dem Abgabetermin

Über diesen Weg, so die Überzeugung der meisten Lernenden, könne man allerdings nicht offen sprechen. Es entspricht schließlich nicht dem Ideal vom ‘selbständigen, mühevollen Lernen mit hochwertigen Fachmedien’, mit dem sie seitens ihrer Prüfer, Gutachter und Bibliothekare konfrontiert sind.

Über die hastige, intensive Kollaboration in der Nacht vor der Abgabe beispielsweise kann man kaum sprechen, wenn die überprüfbar eigene Leistung alles ist, der Rest hingegen unter einen diffusen Plagiarismus-Verdacht fällt.

Als ob Lernen nicht gemeinsam möglich sei. Als ob Wissensproduktion generell heute nicht typischerweise ein kollaborativer Prozeß ist. (Übrigens gerade in Berufen, die eine wissenschaftliche Ausbildung erfordern.) Als ob die Wikipedia nicht ein Ort ist, an dem das gemeinschaftliche Erschaffen einer Wissensquelle kritisch untersucht und erprobt werden kann.

David White hatte bereits vor ein paar Jahren mit seiner Digital Visitors and Digital Residents-These treffend Marc Prenskys berühmte Entgegensetzung von ‘Digital Natives and Digital Immigrants’ kritisiert. (Teilnehmer meiner Information Literacy (R)Evolution-Workshops kennen das längst. David White hat seinen vielzitierten Weblog-Artikel mittlerweile auch zu einem Artikel in einer “richtigen” Fachzeitschrift ausgebaut.) Nun hat er mit dem ‘Learning Black Market’ eine neue treffende Beobachtung dieser Art gemacht. Wir müssen dringend darüber reden.

Abbildung: BBluesman, Black Market (CC BY-NC-SA, http://www.flickr.com/photos/bbluesman/6265764549/)

Autor: Lambert Heller

Bibliothekar. Interessiert sich für (wissenschaftliche) Kommunikation im Netz, Open Access, Open Knowledge Production, Literaturverwaltung und Bibliothek 2.0. Mehr über mich.

6 Kommentare

  1. Bin ich so aus der Art geschlagen, dass mir die von David White beschriebene Art des Hausarbeiten schreibens noch nie begegnet ist? Dabei bin ich schon extrem talentiert darin mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel zu erreichen, was das Schreiben von Hausarbeiten angeht.
    Richtig ist aber, dass die Punkte 1-3 die er nennt, bei völlig neuen Themen auch bei mir der lockere Einstieg sind, bevor es richtig zur Sache geht.

    • Danke für den interessanten Bezug, den du zu deiner eigenen Arbeitsweise hergestellt hast, DonBib! Das Phänomen “Learning Black Market” ist vermutlich variantenreicher als White es darstellt, aber die Nähe dieses Lernstils zu der Art des “normalen” wissenschaftlichen Arbeitens ist ein spannender Aspekt. Ich kenne mich mit der Geschichte der Pädagogik nicht aus, aber ich vermute, daß es keine ganz neue Idee ist, Lernende vor dem schützen zu wollen, was längst normal ist, aber nicht dem moralischen Ideal der Lehrenden entspricht.

  2. Pingback: Von Hilfe zur Selbsthilfe zum „Mommy Model of Service“ « A growing organism

  3. Pingback: Gelesen in Biblioblogs (1.KW’12) « Lesewolke

  4. “Informelles” Lernen und Studieren ist ein wichtiger Aspekt in den IK-Schlungen, da meiner Meinung nach, erst bei dieser Lernform, wenn man sie so bezeichnen möchte, ein Erwerb der Kompetenz, Informationen zu bewerten und zu beurteilen, geschieht.
    Ich beobachte immer wieder, dass bei Schulungen ein Schwarz-Weiß-Vergleich (Formell richtig – formell falsch) passiert, der jedoch im Grunde genommen zu einer starken Verunsicherung bei meist zu früh geschulten Studierenden führt. Die Studierenden erhalten gar nicht erst die Möglichkeit, eigene Lernerfahrungen zu machen, sondern werden “indoktriniert”, was richtig oder falsch ist. Schwierig ist es dann zu vermitteln, dass zwischen Schwarz und Weiß noch jede Menge Grau liegt.
    Meine Thesen dazu:
    - Problemorientierte Schulungen sind besser als Pauschalschulungen von A-Z der “Informationskompetenz”.
    - Der anleitende Bibliothekar sollte mehr Eigenbetrachtungen des eigenen Lernverhaltens durch die Studierenden zulassen und selbst mitlernen. Die Studierenden stecken im Lernalltag mit ihren eigenen Problemen bei der Recherche.
    - Weniger vorgefertigte Ablaufpläne und dafür mehr Freiräume wären hilfreich, um die beiden vorhergehenden Probleme zu beheben. Also besser Impulse zur Diskussion und Lösungssuche geben, als Patentlösungen anzubieten, die wir gar nicht besitzen.

  5. Pingback: Nachdenken über Informationskompetenz … | Hapke-Weblog

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