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Immer Ärger mit Elsevier

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Wie ein Lauffeuer verbreitete sich Ende letzter Woche die Nachricht, dass Wissenschaftler jetzt genug von dem Geschäftsgebaren des in Bibliothekskreisen bereits seit längerer Zeit verrufenen Verlegers Elsevier haben. Tyler Neylon, Mathematiker an der New York University, legte eine  Internetseite an, die zum Boykott aufruft: “won’t publish, won’t referee, won’t do editorial work”. Ulrich Herb berichtete in Telepolis über diese Aktion. Erste Diskussionsbeiträge von bibliothekarischer Seite gab es dazu in der Inetbib.

Ich bin jedenfalls der Meinung, dass ein Boykott der Wissenschaftler die einzige Möglichkeit ist, dass sich überhaupt etwas tut. Ob sich genug Anhänger für diese Kampagne finden, ist natürlich schwer zu sagen, aber die Chancen stehen nicht schlecht, weil

  • die Aktion international ist,
  • dank dem heutigen Stand der digitalen Vernetzung (Twitter, Facebook, Mailinglisten) auch Wissenschaftler von dem Protest erfahren könnten, die bisher nichts von den Problemen gehört haben (vermutlich die meisten) bzw. sich sonst nie aktiv mit dem Thema beschäftigen würden,
  • sie sich dank der digitalen Möglichkeiten schnell und unkompliziert dazu äußern können.

Elsevier könnte durchaus Probleme bekommen, weil es mit weniger Wissenschaftlern, die schreiben und begutachten, weniger Publikationen gibt, die verkauft werden können. Und falls das Image des Verlags wirklich ernsthaft leiden sollte, hätte das eventuell den Effekt, dass sich Wissenschaftler nicht mehr so sicher sind, ihre Reputation zu steigern, wenn sie ausgerechnet bei Elsevier veröffentlichen und sie werden sich überlegen, – wenn auch nur vorsichtshalber – einen andere/n Verlag/Variante zu wählen. Natürlich ist das im Moment nur ein mögliches Szenario.

Auch die ETH-Bibliothek Zürich bekam Ärger mit Wissenschaftsverlagen, schreibt die NZZ Online. Elsevier, Thieme und Springer klagen gegen den elektronischen Dokumentlieferdienst für Bibliothekskunden. Weiter erfahren wir im Artikel “Ein Bärendienst an der Forschung” von Donat Agosti, dass Elsevier den Wahlkampf einer US-Abgeordneten durch Spenden unterstützt hatte, die sich Ende Dezember 2011 damit “bedankte”, eine Gesetzesvorlage im amerikanischen Kongress einzureichen, in der die Bedingung, das mit öffentlichen Fördermittel gewonnene Forschungsergebnisse “auf frei zugänglichen Plattformen publiziert werden” müssen, wieder rückgängig gemacht werden soll.

Autor: lesewolke

Bibliothekarin und Bloggerin (weitere Beiträge)

7 Kommentare

  1. Ist halt die Frage, ob man boykottiert, damit die Verlage in Zukunft ein bisschen weniger gierig sind. Das würde die Situation des wissenschaftlichen Kommuniaktionssystems vielleicht ein bisschen verbessern, das grundlegende Problem aber nicht beseitigen. Man könnte aber auch ein System aufbauen, das unabhängig von den Verlagen funktioniert, die ja ohnehin oft keinen nennenswerten Beitrag zum wissenschaftlichen Publikationsprodukt leisten.

    So meint Björn Brembs etwa, man solle besser daran arbeiten, der Abhängigkeit von den Verlagen zu enkommen und sich auf den Aufbau einer neuen, unabhängigen, von öffentlichen Einrichtungen getragenen Infrastruktur konzentrieren, anstatt den Research Works Act (RWA) zu bekämpfen (oder eben auch anstatt Elsevier darum zu bitten einen Teil seiner Profite wirklich für die Verbesserung der wissenschaftlichen Kommunikation einzusetzen). Eine solche Perspektive geht das Problem an der Wurzel an. Solche Überlegungen würde ich gerne bei der DFG, bei Wissenschaftlern aber auch Informationseinrichtungen sehen. Diese könnten in einem alternativen System eine wichtigere Rolle als die bisherige Lizenznehmerrolle einnehmen. Aber sind Bibliotheken dazu bereit und in der Lage?

  2. Ich schätze auch, dass die Energien besser investiert wären, würde man sich auf einen eigenständigen Aufbau von Strukturen besinnen. Der Weg ist zwar wahrscheinlich steinig und steil, aber es würde mittelfristig/langfristig wohl mehr bringen.

  3. Pingback: Infobib » Elsevier vs. Wissenschaft

  4. Ich kenne einige Bibliotheken, bei denen bereits an solchen Projekten gearbeitet wird. Auch die DFG unterstützt Entwicklungsarbeit in dieser Richtung, auch wenn ich mir dabei nicht sicher bin, dass die DFG dabei genau solche Strukturen im Kopf hat. Zumindest liessen sich mit den von der DFG geförderten Entwicklungen Bibliotheks-basierte Kommunikationsstrukuren aufbauen.

  5. Näheres zu den Spenden von Elsevier an Abgeordnete Maloney, die RWA eingereicht hat, kann man in diesem Artikel aus Wired erfahren. Entsetzlich.

  6. Es stimmt natürlich, dass der Boykott das Problem nicht wirklich löst. Er könnte jedoch die Chance bieten, dass sich mehr Wissenschaftler auch für andere Publikationsvarianten interessieren und diese anerkennen. Denn wer mit seiner Methode voll und ganz zufrieden ist, wird sich nicht nach etwas Neuem umschauen bzw. sehr schwer davon überzeugen lassen. Falls es also benutzerfreundliche Projekte gibt, die bieten, was sich die Kunden wünschen, könnten sie demnächst etwas bessere Chancen haben, gehört zu werden, und sollten unbedingt in die Offensive gehen. Sonst profitieren eben einfach andere Verlage.

  7. Pingback: Gelesen in Biblioblogs (17.KW’12) « Lesewolke

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