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Unglue.it: Was wäre, wenn…

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Neulich erregte der Launch der Crowdfunding-Plattform Unglue.it einiges an Aufsehen, und auch ich fand die Idee spannend genug, um mich dort mal ein wenig umzusehen.

Das Konzept ist im Grunde einfach: Über Unglue.it sollen Spenden gesammelt werden, um bereits in gedruckter Form erschienene Bücher als E-Books mit Creative-Commons-Lizenz wiederzuveröffentlichen. (Genauer gesagt sieht unglue.it eine CC-BY-NC-ND-Lizenz vor. Ob das die ideale CC-Lizenz ist sei dahingestellt, aber das nur am Rande.) Verglichen mit anderen Crowdfunding-Seiten wie Kickstarter ist die Dynamik jedoch komplexer: Zunächst werden Titel von den Unglue.it-Nutzerinnen und Nutzern (“Ungluers”) vorgeschlagen, dann können die Rechteinhaber (also i.d.R. die Verlage) auf diesen Vorschlag eingehen und eine Zielsumme vorgeben, die schließlich von den Ungluers in einem begrenzten Zeitraum zugesagt werden muss. Anscheinend sollen dann am Ende die Rechteinhaber selbst die E-Book-Version erstellen und veröffentlichen. So gibt Unglue.it zwar einerseits vor, dass die E-Books im EPUB-Format unter besagter CC-Lizenz zur Verfügung gestellt werden sollen, aber andererseits wird Unglue.it selbst die E-Books nicht hosten.

Derzeit befindet sich Unglue.it noch im Alphastadium: Die Webseite ist an einigen Stellen noch im Aufbau begriffen, und man kann auch noch kein Geld spenden um Titel “freizukaufen”, d.h. noch kein Rechteinhaber hat sich auf dieses Wagnis eingelassen. Bereits jetzt kann man aber Bücher vorschlagen: Die Wunschliste wird gegenwärtig angeführt von “A Brief History of Time”, “To Kill a Mockingbird”, “1984” und “The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy”. Dass solche Bestseller freigegeben werden, halte ich allerdings für utopisch, denn namhafte Verlage werden wohl kaum ihren Ruf durch etwaige nicht erreichte Zielsummen aufs Spiel setzen wollen. Realistischer wären vielleicht eher weniger bekannte Titel von kleineren Verlagen, womöglich ähnlich den Büchern, deren Publikation bei Kickstarter erfolgreich finanziert wird. (Dort wird z.B. gerade Geld für die Wiederveröffentlichung der Order-of-the-Stick-Sammelbände gesammelt, und über eine halbe Million Dollar sind schon zugsammengekommen.)

Was hat nun Unglue.it mit Bibliotheken zu tun? Zum Einen sind oder waren einige der Macherinnen und Macher von Unglue.it der Bibliothekswelt verbunden, z.B. Eric Hellman (Ex-OCLC). Zum Anderen stelle man sich vor: Was wäre, wenn derartige Street-Performer-Protocol-Methoden das Publikationsmodell der Zukunft wären? Wenn Bücher und andere Medien künftig vorfinanziert und gemeinfrei veröffentlicht würden, und eine wahre Flut von E-Books über uns hereinbräche? Wären die Bibliotheken einem solchen veränderten Buchmarkt gewachsen? Zwar müssten keine physischen Medien mehr erworben, bearbeitet, erhalten und verfügbar gemacht werden, aber katalogisiert und (langzeit)archiviert werden müssten diese gemeinfreien E-Books genauso. Ob die entsprechenden National-, Regional- und Sondersammelgebietsbibliotheken sich da in der Pflicht sehen?

[Foto von Simon Zirkunow, CC BY-SA]

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die interessanten Überlegungen aus bibliothekarischer Sicht! Aus “Jungverlegersicht” finde ich das Unglue.it-Experiment berückend (siehe http://www.kraut-publishers.de/blog/?p=67) – vor allem, weil Crowdfunding die Entscheidung für oder gegen ein Publikationsprojekt bzw. den Aufwand zur Erzeugung eines guten E-Books rationaler gestaltet, als das in den Verlagen bisher der Fall ist.
    Eine wahre Flut sehe ich in den nächsten Jahren noch nicht über uns hereinbrechen, zumindest nicht durch Crowdfunding bzw. Crowdpublishing, denn längst nicht alle Bücher werden die erforderliche Summe auf sich vereinigen können. Selfpublishing ohne eine solche vorgeschaltete Filterung dürfte das größere Problem darstellen.
    In Deutschland könnten Konflikte zwischen dem Streer Performer Protocol und der Tätigkeit der Verwertungsgesellschaften ähnliche Experimente bzw. Geschäftsmodelle verhindern; das sollte dringend geklärt werden. Ich werde heute endlich mal das Anfrageschreiben an die VG Wort aufsetzen, das ich seit etwa einem Jahr im Kopf habe. :-)

  2. Ich habe meinerseits zu danken für den Kommentar, denn dadurch fällt mir wieder ein, dass ich durch besagten Kraut-Publishers-Blogpost (bzw. dessen Weiterverbreitung über Twitter) überhaupt erst auf Unglue.it gestoßen bin. Sorry, dass ich das nicht im Artikel erwähnt hatte.

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