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Moderne Ausbildung = moderne Bibliotheken?!

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Die Veränderung der Ausbildung für Bibliothekare war zwischenzeitlich ein Thema in den Blogs. So startete Ende August bei *Ultrà Biblioteka* eine Umfrage, was Bibliothekare heutzutage lernen sollten. Auch Christoph Deeg beschäftigte sich in seinem Blog Kulturbeutel mit der Zukunft unseres Berufsbildes. Die stille Hoffnung, die insgesamt dahinter steckt: Wenn man die Leute nur zeitgemäß ausbildet, werden sich auch die Bibliotheken selbst ganz schnell ändern. Ich habe meinen Studienabschluss vor einem Jahr im Anschluss an die Fernweiterbildung der FH Potsdam gemacht. Management und Informatik kamen hier nicht zu kurz und auch sonst fand ich die Ausbildung sehr aktuell.

Manche Bibliotheken haben bereits gemerkt, wie sich die Zeiten ändern, neue Medien Einzug halten, die Menschen überhaupt und daher natürlich auch die Nutzer der Einrichtungen neue Gewohnheiten und Informationsbedürfnisse an den Tag legen. Mit viel Begeisterung habe ich den Artikel über die Bibliothekarin neuen Typs gelesen. Es gibt Weiterbildungen und Konferenzen. Man findet zahlreiche Einrichtungen in sozialen Netzwerken. Projekte wie Lernort Bibliothek zeigen, dass sich etwas ändert. Sind die Bibliotheken und ihre Mitarbeiter vielleicht schon längst supermodern?! Nun, das kann von Bibliothek zu Bibliothek ganz unterschiedlich sein und hängt wohl in erster Linie mit der jeweiligen Leitung zusammen. Unterstützt sie neue Entwicklungen beispielsweise Web 2.0, Open Access usw., lebt sie es eventuell sogar vor oder toleriert sie diese zumindest?!

Ich arbeite schon eine ganze Weile im Bibliothekswesen. Anfangs gab es in meiner Ausbildungsbibliothek tatsächlich keine Computer. Das möchte man sich gar nicht mehr vorstellen. Und die meisten, die heute in diesen Beruf arbeiten, haben diesen wahrscheinlich noch vor mir gelernt. Als sich diese Bibliotheksmenschen dafür entschieden haben, war es also mit Sicherheit nicht aus Begeisterung für technische Innovationen, denn wer hätte diese Entwicklung vorausahnen können. Die/der ein oder andere hat sich dann aber mit den zunehmend anwenderfreundlicher werdenden technischen Möglichkeiten arrangiert, und ein paar ExotenInnen begeistern sich sogar richtig dafür. An diesen Hintergrund sollte man denken und sich nicht zu sehr wundern, wenn man bei den heutigen Bibliotheksmenschen eben nicht auf eine Gemeinschaft von Technikfreaks und Digital Natives trifft.

Was könnte denn nun passieren, wenn jemand frisch vom Studium, mit all den neuen Ideen und Möglichkeiten angereichert, in eine Durchschnittsbibliothek mit bisher wenig Web-2.0-Erfahrungen gerät? An dieser Stelle kommt der Hinweis auf einen Beitrag von Gunter Dueck über das Verhalten der Flöhe, den ich wärmstens empfehle. In einem Experiment wird erklärt, wie es sich auswirkt, wenn ein neuer Floh mit den Gewohnheiten der alteingesessenen Flöhe konfrontiert wird. Danach versteht man einfach die Welt besser.

Modern ausgebildete Leute sind meiner Meinung nach keine Garantie für eine grundlegende, schnelle Veränderung des Bibliothekswesens. Bloß weil jemand mit neuen Ansichten ins Team kommt oder nach einer „Generalüberholung“ durch eine an die Internetwelt orientierte Fernweiterbildung die Bibliothek plötzlich mit anderen Augen sieht, ändert sich nicht automatisch seine Umwelt. Mit etwas Glück erntet man etwas ungläubiges Staunen und Unverständnis und wird nicht völlig ausgebremst. Trotzdem ist es eine Chance, wenn man nicht der Versuchung erliegt, sich wie die Flöhe zu stark anzupassen. Also nicht beirren lassen, neue Ideen anbringen, über neue Entwicklungen auf allen Kanälen reden/mailen/bloggen, die Meinung sagen, den Leuten auf den Keks gehen und wenigstens selbst so leben, wie man die Bibliothek gern hätte. Auch wenn man manchmal nur eine Kleinigkeit bewegen oder zum Nachdenken anregen kann. Sonst tut es nämlich gar keiner.

Autor: lesewolke

Bibliothekarin und Bloggerin (weitere Beiträge)

4 Kommentare

  1. Erstmal Zustimmung dafür, dass es keine Garantie dafür gibt, dass junge Bibliothekarinnen und Bibliothekare überhaupt den Willen für Veränderungen haben.

    Dann aber auch Kritik daran, dass die Begrifflichkeit „modern ausgebildete Leute“ völlig schwammig ist. Gerade das Beispiel des Studiums an der FH Potsdam belegt, dass „Management und Informatik“ und aktuelle Themen noch lange nicht bedeuten müssen ein modernes Studium absolviert zu haben. Denn auch ich habe dort studiert und die größte Erkenntnis ist und bleibt, dass niemand mehr weiß zu welchem Ziel man sich überhaupt bewegt. Es ist eine Aneinanderreihung von Themen und Wissen (sehr gerne mit modern anmutenden Begriffen besetzt), ohne konkretes Ziel. Das Studium dort hat bei mir eben jenen Gedanken ausgelöst, dass es ein Berufsbild aktuell gar nicht mehr gibt. Außerdem muss man erstmal überlegen was denn überhaupt modern ist. Ist modern nicht auch der Wille zu mehr Bürgerinnen- und Bürgerbeteiligung, wo bleibt da unser Anteil in Studium, Ausbildung und der alltäglichen Arbeit? Ist modern nicht auch das Stichwort „Informationskompetenz“? Wo bleibt da die Professionalisierung? Ich sehe aktuell den Berufsstand an einem Punkt, an dem überlegt werden muss, wie man sich für die Zukunft selbst rechtfert. Die Fähigkeit zur Legitimation ist in der aktuellen finanziellen Lage und dem Kampf um die Prioritäten in einer zukünftigen Gesellschaft die wichtigste aller nötigen Kompetenzen.

  2. Ich habe mich gefreut, dass es einen Kommentar gibt. :-) Ich stimme auf jeden Fall zu, dass ziemlich unklar bleibt, wohin die Reise „Berufsbild Bibliothekar“ geht. Aber das ist ja die Realität. Da hilft wohl nur, möglichst flexibel zu sein, alle aktuellen Möglichkeiten und Trends, die unseren Kunden bei Informationsfragen (Bestand, Suche, Weiterverarbeitung usw.) von Nutzen sein könnten, zu kennen und zu wissen, wie und wo man erfährt, was es gibt und mit welchen „Werkzeugen“ man das wie vermittelt. Okay, Bürgerbeteiligung habe ich jetzt selbst wohl weniger vermisst, weil ich in einer wissenschaftlichen Bibliothek arbeite, in öffentlichen ist das sicher in wichtiges Thema.

    „Die Fähigkeit zur Legitimation ist in der aktuellen finanziellen Lage und dem Kampf um die Prioritäten in einer zukünftigen Gesellschaft die wichtigste aller nötigen Kompetenzen.“
    Das ist ein wichtiger Aspekt. Dazu habe ich übrigens mal einen interessanten Vortrag von Meinhard Motzko, PraxisInstitut Bremen gehört: „Bibliotheken müssen endlich aufstehen!“, der mir gut in Erinnerung geblieben ist. Hier der Link zur Präsentation: http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/Landesverbaende/Brandenburg/motzko_bibliotheken_aufstehen.pdf

    Das Hauptproblem, um das es in meinem Beitrag ging, bleibt leider bestehen: Versuchen frisch ausgebildete Leute, die es besser wissen (müssten), dann wirklich etwas zu ändern? Und wie stehen die Erfolgschancen?

  3. Pingback: Gelesen in Biblioblogs (39.KW’11) « Lesewolke

  4. Nochmal die Antwort: warum sollten frisch ausgebildete Bibliothekarinnen und Bibliothekare es besser wissen? Was müssten sie besser wissen? Und wieso sollten andere etwas ändern?

    Das Studium bleibt doch auf der Ebene des aktuell Geschehenden. Gesellschaftliche Herausforderungen gibt es als Thema kaum.

    Dem „Kunden“ (da ich Bibliotheken als Bildungs- und Kultureinrichtung betrachte, halte ich das Wort „Kunde“ für die Manifestierung dessen was ich persönlich für eine gefährliche und falsche Entwicklung halte: die Vermessung des Bildungsgrades eines Menschen zur Feststellung seines Arbeitswertes für seine wirtschaftlichen Tätigkeiten) zu folgen und seiner Entwicklung hinterher zu laufen halte ich für ebenso falsch.

    Trendsetter sollten wir Bibliothekarinnen und Bibliothekare sein. Ich bestreite in der Tat, dass der aktuelle Stand der „Ausbildung“ für den gehobenen und höheren Dienst seit Jahren an den Bedürfnissen vorbei läuft. Was es bräuchte sind Expertinnen und Experten in verschiedenen Arbeitsbereichen von Bibliotheken. Was aktuell gelehrt wird ist ein oberflächlicher Einheitsbrei, aus dem heraus sich jeder mit Forbildungen etwas tieferes Wissen zu einem Bereich erarbeiten kann. Expertinnen und Experten entstehen so nicht – allenfalls fortgeschrittene Amateuere (die immernoch mehr Kompetenzen in den entsprechenden Bereichen haben, als die allermeisten Bibliotheksbesucherinnne und -besucher).

    Insofern ist die Grundfrage – kann man etwas verändern bzw. wissen die Jüngeren es tatsächlich besser – für mich deshalb zu weit gegriffen, weil ich bestreite, dass es dafür eine Grundlage gibt.

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