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meine beitrags- / lyrik ist hübscher / als deine // dude

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Im Sommer diesen Jahres erschien in der BuB eine Meldung, die mir symptomatisch für das Bibliothekssystem in Deutschland erscheint: Anstatt einfach über ein Projekt oder eine Veränderung in einer Bibliothek zu berichten und die Fakten darzustellen, wird zumindest oft mit einer brachialen Werberhetorik gearbeitet. Das soll zum Teil dazu führen, dass Bibliotheken als moderne Einrichtungen erscheinen. Aber ehrlich: Meist klappt das nicht, sondern stößt eher ab. Es ist oft zuviel und oft auch nicht richtig, was so gesagt wird. Und das ärgerliche: Es ist überhaupt nicht notwendig. Bibliotheken werden, trotz der Unkenrufe aus der Öffentlichkeitsarbeit, nicht schlechter, wenn sie bei den Fakten bleiben und auf all das rhetorische Bling-Bling verzichten.

Der Text in der BuB ist da, wie gesagt, nur ein Beispiel. Wenn ich ihn hier zitiere, dann, weil er so auffällig ist und ich an ihm hängen geblieben bin. Das soll weder die Arbeit der Bibliotheken, um die es geht, schlecht machen, noch überhaupt jemand angreifen. Das solche Texte geschrieben und ernsthaft publiziert werden, scheint mir eher ein Problem des gesamten Bibliothekswesens zu sein und nicht einzelner Personen oder Einrichtung.

vernetztes ruminovieren / evaluieren / berge setzen und mäuse auch?

Der Text (Geffe, Esther 2011 / Optimale Vernetzung von Volkshochschulen und Stadtbibliotheken : Gemeinsames Modellprojekt in Bayreuth, Nürnberg und Regensburg. – In: BuB 63 (2011) 7/8, 512-513) handelt eigentlich davon, dass die Öffentlichen Bibliotheken in den genannten Städten mit den Volkshochschulen vor Ort zusammenarbeiten. Das soll, wie so oft, zu einer besseren Zusammenarbeit der Einrichtungen und einer Verzahnung der Angebote führen. Und warum auch nicht: Eine solche Zusammenarbeit gibt und gab es an verschiedenen Ort (Emden, Wattenscheid, Unna und andere), ebenso wird immer wieder einmal angemahnt, dass Öffentliche Bibliotheken mit Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten soll. Richard Stang hat dies zum Beispiel des Öfteren propagiert. Eigentlich immer, wenn es um die Positionsbestimmung und die Zukunft der Öffentlichen Bibliothek geht, kommt dieser Vorschlag auf. Dies kann bis hin zum Richtungsstreit im Kaiserreich verfolgen. Schon Helene Nathan hat sich dazu geäußert.

Und hier liegt schon das erste Problem: Die Idee, dass Öffentliche Bibliotheken und Volkshochschulen zusammenarbeiten sollen, teilweise auch zu einer Einrichtung verschmelzen, ist weder neu noch irgendwie besonders. Das gibt es schon, das wird es weiter geben. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Aber so etwas darf man heute offenbar nicht sagen. Der Text zumindest redet lieber von Innovation und Projekten. Zudem wiederholt er genau die gleichen Grundideen, die immer in diesem Zusammenhang genannt werden:

„Der ‚Südpunkt‘ und der Bildungscampus in Nürnberg, das im Februar eröffnete Bayreuther RW21 und das im Frühjahr 2010 eröffnete Regensburger BiC in Köwe – alle diese zentralen Anlaufstellen für Bildung, Information und Kultur wurden innerhalb der letzten drei Jahre neu gestaltet. Ihre spezifischen Kennzeichen sind die gemeinsamen Angebote von Volkshochschulen und Bibliotheken. Daher stellen die Bildungseinrichtungen der beteiligten Städte ideale strategische Partner dar.

Als ein Ziel des Projektes sollen die Potenziale der beiden bürgernahen Bildungseinrichtungen genutzt und durch Kooperation und Vernetzung optimiert werden. Als Resultat werden vielfältige, flexiblere Angebote für die Kunden sowie erhöhte Besucherzahlen für beide Einrichtungen angestrebt. (…)“ (ebenda, S. 512)

„Die Kunden beider Einrichtungen profitieren von der gesteigerten Dienstleistungsqualität der Bildungseinrichtungen. Der Wirkungsgrad von Volkshochschule und Stadtbibliotheken erhöht sich durch die Zusammenarbeit, ohne dabei die Konturen der jeweiligen Einrichtungen verloren gehen.“ (ebenda, S.512f.)

In dieser Projektlyrik geht es weiter. Die Realität wird mit ihr geglättet, Fragen werden nicht gestellt. Ist die Bibliothek überhaupt eine Bildungseinrichtung? Wieso soll gerade die Volkshochschule idealer strategischer Partner sein, wenn es doch auch andere Texte gibt, in den andere Einrichtung als solche bezeichnet werden (Wirtschaft, Einkaufszentren, Jugendarbeit, Museen, Schulen, Kindergärten und so weiter)? Hat das Wort „ideal“ dann überhaupt noch eine Wert oder können wir das einfach an alles anhängen? Wieso soll das überhaupt mehr Nutzerinnen und Nutzer bringen? (Wollen die überhaupt Bildung?) Wieso um alles in der Welt sollte die „Dienstleistungsqualität der Bildungseinrichtungen“ besser werden, wenn sie zusammenarbeiten? Bleibt die nicht eher gleich oder geht wegen der Mehrarbeit zurück? Alle solche Fragen könnten besprochen werden, stattdessen werden sie weggezaubert in ein Projekt, wo alles dufte zusammenpasst.

Dabei – um darauf nochmal rumzupochen – gibt es genügend Beispiele ähnlicher Vernetzungen, bei denen man nachfragen könnte, ob die Sache überhaupt so läuft, wie man sich das denkt. Aber offenbar muss alles ein Projekt sein, dass dann mittels Wissenschaft und Marktforschung – am Besten gleichzeitig – geadelt wird. Auch das liefert der Beispieltext:

„Als Endergebnis des Modellprojekts sollen ausgereifte, konkrete Produktideen und Marketingsstrategien, die mit geringem, angemessenen Aufwand übernommen werden können, für alle interessierten Kommunen Bayerns zur Verfügung stehen.“ (ebenda, S. 512)

„Die wissenschaftliche Begleitung und Beratung des Projektes durch Professor Richard Stang von der Hochschule für Medien in Stuttgart garantiert die wichtige Außensicht sowie die Erarbeitung und Einhaltung der Kriterien zur Analyse und Evaluation. Um den Erfolg des Projektes zu sichern, wird auf die Kompetenz weiterer externer Fachleute, zum Beispiel der von Marketingspezialisten, zurückgegriffen.“ (ebenda, S. 513)

Auch hier stellt sich die Frage, was das eigentlich soll. Ob und wie solche Lernzentren funktionieren können oder auch nicht funktionieren, ist dokumentiert. Wer nicht zumindest an die Idea Stores denkt, hat in den letzten Jahren mindestens eine Hype im Bibliothekswesen verpasst. Aber auch bei den Lernzentren könnte man Fachleute fragen, beispielsweise diesen ehemaligen Mitarbeiter des Deutschen Institut für Erwachsenenbildung, der ein ganzes Buch zu Lernzentren herausgegeben hat, seit Jahren zu diesem Thema arbeitet und jetzt Professor an der FH in Stuttgart ist – Richard Stang. Ups… Hier wird der ganze Text vollkommen zur Antragslyrik. Für das Projekt wurde Prof. Stang als wissenschaftlicher Berater gewonnen, was alles gut und schön ist: Er ist der Experte auf diesem Gebiet. Aber weil es ein Projekt ist, dass heute offenbar keinem Erkenntnisinteresse folgen darf, muss irgendwas von Evaluation (Was ja nichts anders ist, als Überprüfung, ob etwas eingetroffen ist oder nicht.) geredet werden. Und das auch noch angereichert mit Begriffen aus der Betriebswirtschaft (nicht zu vergessen, dass offenbar Bildung hier zumindest zum Teil als Marketingsaufgabe verstanden wird und nicht als Bildung). Richard Stang wird keine Außensicht liefern. Wozu auch? Schaut man sich seine bisherigen Arbeiten an, weiß man, dass er ohne Probleme ein sinnvolles Programm zur Zusammenarbeit von ÖB und VHS entwerfen kann. Er wird, wenn, dann aktiv involviert sein und hoffentlich einem Erkenntnisinteresse fröhnen, dass tiefer geht, als diese Ankündigung.

Denn ehrlich: Was machen die ÖBen und VHSen denn jetzt genau? Kann man das diesem Text voller Buzzwords entnehmen? Was werden sie anders machen als – nur als Beispiel – das zib in Unna? Oder die Idea Stores? Hinter all dem „ideale Partner“, „wissenschaftliche Begleitung“, „Marketingstrategien“, „Produkte“, „Dienstleistungsqualität“ wird gerade das nicht klar: Was passiert da nun eigentlich wirklich? Drei Öffentliche Bibliotheken arbeiten mit den örtlichen Volkshochschulen zusammen. Okay… Why not? Der Rest des Druckplatzes wurde nicht verwendet, um etwas wirklich Interessantes zu erzählen.

im dunklen / der straßen / buzzwörter // und gekrümmt / ein reh

Aber wie gesagt: Der Text scheint ein strukturelles Problem des Bibliothekswesens zu verdeutlichen. Wir lassen es zu, dass solche letztlich wenig inhaltsreichen Texte, die aber mit viel rhetorischen Bling-Bling gespickt sind, veröffentlicht werden und gerade deshalb die konkrete bibliothekarische Praxis nicht richtig sichtbar wird. Wir alle kennen die Worte, die dazu verwendet werden: Innovation, Evaluation, Kompetenz, Projekt, Marktanalyse und so weiter. Aber müssen wir sie auch ständig benutzen? Überzeugen wir damit irgendwen? Von was wollen wir da überhaupt wen überzeugen? Oder soll von irgendetwas abgelenkt werden? Und müssen wir eigentlich immer Projekte machen, nur weil wir mal etwas ausprobieren und verändern wollen? Was wäre, zum Beispiel, falsch daran, wenn die Bibliotheken in Bayreuth, Nürnberg und Regensburg der Meinung wären, einfach so mit den Volkshochschule zusammenarbeiten zu wollen, obwohl das anderswo mal funktioniert und mal nicht funktioniert? Oder machen die drei Bibliotheken wirklich irgendetwas anders? Angesichts dessen, dass zumindest Prof. Stang die ganzen Standardaktivitäten schon kennen müsste, könnte das der Fall sein. Der Text aber schweigt dazu.

(zusatz bezgl. berlin) beim tanzen siehst du / nicht // was neu ist am boden / und was gut war

Autor: Karsten Schuldt

Bibliothekswissenschaftler am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft, HTW Chur. Außerdem Redakteur LIBREAS. Pendelt zwischen Hauptort mit Geschichte (Chur), Grossstadt (Berlin) und ähm.... (Zürich).

8 Kommentare

  1. Touché! Dieser Artikel sollte das Intro oder die Grundlage zu einem Artikel „Scheitern der bibliothekarischen Fachkommunikation“ sein.

  2. Es freut mich, dass sich noch jemand sehr sichtbar zu diesem Problem äußert. Ich sehe die „bibliothekarische Fachkommunikation“ aber nicht als gescheitert an, mir fehlt einfach nur das Bindeglied zwischen den Erfahrungsberichten der „Praktiker und Praktikerinnen“ aus dem alltäglichen, die dann zu oft mit der von Karsten Schuldt beschriebenen Werbelyrik versehen wird, und Handreichungen, wie z.B. der „Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft „. Beides sind in ihrer Form Extreme, mir fehlt oft schlicht die informative Mitte.

  3. Pingback: Infobib » Bibliothekarische Projektlyrik

  4. Seit dem Einbruch des Neoliberalismus ins bibliothekarische Denken verwandelt sich solchenes, wenn es offiziöse Formen annimmt, zusehends ins Bullshitige.
    Daher sehr erfreut und geradezu begeistert bin ich über diesen zutreffenden und vergnüglich zu lesenden Artikel.
    Möge er Wirkung zeigen – und sei es nur in einem allgemeinen Gelächter, wenn der nächste BS-Ausdruck fällt!
    mit besten Grüßen
    Wolfgang Kauders

  5. Pingback: netbib weblog

  6. Absolut zutreffender Artikel!! 5*****

  7. Ich nehme an, diese Sprache liegt auch daran, dass ganz normale bibliothekarische Aufgaben heute vielfach mit Landesmitteln finanziert werden (müssen). Und da muss man halt seine Anträge schreiben, alles evaluieren, … und es kommt eher auf Länge und Bullshit Bingo an als auf Inhaltliches.
    Und wenn man das dann schon mal schwarz auf weiß hat, kann man es doch auch gleich für BuB nutzen. Wir haben ja auch alle nicht wirklich viel Zeit ;-)

  8. Pingback: Gelesen in Biblioblogs (47.KW’11) « Lesewolke

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