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Lärm-Patrouille oder Psst! – Welchen Sinn haben Gebote und Verbote in Bibliotheken?

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Staunend habe ich neulich zur Kenntnis genommen, was zuerst bei NZZ Campus berichtet wurde und dann auch durch einige Blogs ging: In der Universitätsbibliothek im englischen Leicester haben sich Studierende zu einer so genannten Quiet Patrol zusammengeschlossen und sorgen in Eigenregie dafür, dass ein gewisser Geräuschpegel nicht überschritten wird. Der NZZ-Autor war von diesem Engagement zunächst angetan, zieht dann aber folgendes Fazit:

Nach ein paar Stunden musste ich ernüchternd feststellen, dass sich die Leute von der Quiet Patrol zwar rührend um die Raumpflege kümmerten und fleissig Stühle gerade rückten; ihre Präsenz hatte aber überhaupt keinen Einfluss auf den Geräuschpegel. Es wurde fröhlich weiter geredet und die Handys brummten zufrieden vor sich hin. Beim Hinausgehen sah ich, dass es zusätzlich noch einen speziellen Raum gibt, wo es laut Beschilderung absolut still sein soll. Die Ruhe- und Ordnungshüter patrouillieren in einen Raum, Stille herrscht in einem anderen. Schon komisch, diese Engländer.

Dass einschlägige Pssst-Schilder – zur Illustration: nette kleine Handy-Verbotsschild-Sammlung bei Corvus Corax Heidelbergensis – nicht wirken, kann man vermutlich in jeder Bibliothek erleben. Ich finde es gerade eher interessant darüber nachzudenken, warum BibliothekarInnen dennoch weiter großzügig Ge- und Verbotsschilder aushängen. Meine These: Die Schilder erfüllen eine wichtige interne Funktion – und das „wichtig“ ist komplett ironiefrei gemeint, nur dass wir uns nicht missverstehen. Ge- und Verbotsschilder visualisieren und konkretisieren Teile aus unseren Benutzungsordnungen und sind so bei den – offenbar gefürchteten – Konfliktgesprächen mit BenutzerInnen eine gut sichtbare Referenz, auf die wir verweisen können: Ge- und Verbotsschilder geben uns Sicherheit, wenn wir den Eindruck haben,  dass unsere NutzerInnen mal wieder an die Einhaltung der Benutzungsordnung erinnert werden müssen. Das ist in vielen Fällen zweifellos unvermeidlich, und ich denke hier auch nicht an das Mahnwesen oder Spielregeln für Internet-Arbeitsplätze. Ich denke an die Verhaltensregeln, die wir aufstellen – und dies obwohl das „Pssst“ der Bibliothekarin auf vielfältige Weise Eingang in die populäre Folkore Darstellung des Berufsbildes hat und insofern und auch überhaupt davon ausgegangen werden kann, dass die meisten Menschen, die Bibliotheken benutzen, zumindest eine vage Vorstellung davon haben, dass es gute Gründe für ein leises Verhalten oder das Verbot von Ansreichungen in Büchern geben könnte.

Wie die in der NZZ erzählte Geschichte zeigt, ist es auch völlig gleich, ob BibliothekarInnen oder die Peers die Rolle der Regel-Wächter übernehmen: Wie der Raum Bibliothek genutzt wird, bestimmen am Ende des Tages die BenutzerInnen:  Sie räumen die Einrichtung nach Bedarf um (tolle Beispielsammlung von Aaron Schmidt) oder ignorieren Garderobenpflicht oder eben Lärm-Patrouillen bzw. das bibliothekarische Psst!.  Und sie treffen damit eine Aussage darüber, wie sie denken, dass die Bibliothek, ihre Räume, ihre Dienste und die zu Grunde liegenden Regeln gestaltet werden sollten.  Wer dreimal auf ein Schild gezeigt und entsprechend ermahnt hat, sollte über den Sinn oder die Zeitgemäßheit der Regel nachdenken, die das jeweilige Schild beschreibt. Und einen Weg anbieten können, wie man der jeweiligen Nutzerin, die eine Regel als unakzeptable Einschränkung empfunden hat und deswegen (zumindest halb-) bewusst dagegen verstoßen hat, zufriedener machen kann.  Um das zu tun, muss man vielleicht seine Haltung ändern – sich nicht als Regel-Wächter, sondern als Ermöglicher verstehen. Und damit ist jede interne Diskussion über die Beschilderung nicht nur, wie Ursula Georgyi es beschreibt, eine Beschäftigung im Sinne des Marketings, sondern auch Bestandteil von Organisationsentwicklung.

 

 

17 Kommentare

  1. Das Problem mit dem Lärm in Lesesälen ist im Grunde kein bibliotheksspezifisches, sondern ein spieltheoretisches. Typischerweise profitiert eine Leserin oder ein Leser zwar schon von einer ruhigen Umgebung, hat aber auch Vorteile davon, bisweilen kurzfristig die Regeln zu missachten, z.B. um sich im Lesesaal mit anderen über ein dringendes Problem zu unterhalten oder einen wichtigen Telefonanruf entgegenzunehmen. Dadurch werden zwar alle anderen Personen im Lesesaal kurzfristig gestört, aber solange sich die Mehrheit an die Regeln hält und die Störenfriede nicht allzu oft laut sind, können alle irgendwie weiterarbeiten.
    Diese Situation könnte sich in zwei Richtungen entwickeln: Entweder ein absolutes Sprech- und Handyverbot wird irgendwie durchgesetzt, so dass man zum Sprechen jedesmal den Lesesaal verlassen muss, oder Gespräche auf später verschiebt oder deswegen gar nicht erst den Lesesaal benutzt, sondern sich gleich mit seinen Mitstudierenden im Starbucks trifft. Oder man schafft die Vebote ganz ab, so dass der Lärmpegel im Lesesaal insgesamt ansteigt.
    Allen drei Zuständen ist gemein, dass nicht für alle Leserinnen und Leser optimale Arbeitsbedingungen herrschen. Aber welcher Zustand wäre der vergleichsweise beste für alle? Eine spannende Frage, deren Beantwortung aus mathematischer/ökonomischer Sicht mich interessieren würde.

  2. „Wie der Raum Bibliothek genutzt wird, bestimmen am Ende des Tages die BenutzerInnen: Sie räumen die Einrichtung nach Bedarf um (tolle Beispielsammlung von Aaron Schmidt) oder ignorieren Garderobenpflicht oder eben Lärm-Patrouillen bzw. das bibliothekarische Psst!. Und sie treffen damit eine Aussage darüber, wie sie denken, dass die Bibliothek, ihre Räume, ihre Dienste und die zu Grunde liegenden Regeln gestaltet werden sollten.“

    Nee, das sehe ich nicht so. Jeder Nutzer trifft für sich eine Aussage, die aber absolut konträr zu den Aussagen anderer Nutzer sein kann. Das Problem dabei: die leisen Nutzer stören mit Ihrer Aussage nicht die Lauten. Anders herum allerdings schon.

    Konkret auf unsere Bibliothek bezogen ist der Wunsch nach Ruhe einer der, wenn nicht sogar der häufigste Nutzerwunsch überhaupt. Beim Roving ist das „für Ruhe sorgen“ (auch nach Aufforderung der Nutzer) eine der Hauptaktivitäten.

    Würden wir die Nutzer den Raum selbst bestimmen lassen, würden sich letztendlich die lauten Nutzer durchsetzen, die leisen vertrieben werden.

    • DANKE!!! Das Problem ist ja auch, dass leise NutzerInnen mit normalem Hörempfinden allmählich bald die Minderheit in den Lesesälen sind – nachgewiesenermaßen hat ein großer Teil der Jungen schon gravierende Hörschäden (vor allem durch zu laut eingestellte Kopfhörer), und ab einem gewissen Alter lässt das Hörvermögen merklich nach.
      Wenn man nun (noch) ein gutes Gehör hat, aber z.B. das Pech keine Ohropax zu vertragen, wird die Benutzung von immer mehr Lesesälen derzeit schon zur reinsten Tortur.

  3. „Würden wir die Nutzer den Raum selbst bestimmen lassen, würden sich letztendlich die lauten Nutzer durchsetzen, die leisen vertrieben werden.“

    Diese Annahme setzt voraus, dass leise Nutzerinnen und Nutzer nicht zur sozialen Interaktion fähig sind. Wenn es so offensichtliche Unterschiede in der Interpretation der örtlichen Nutzung einer Bibliothek gibt, stellt sich viel mehr die Frage, ob z.B. das Konzept „Lesesaal“ überholt ist und es nicht viel mehr kleine Räume für verschiedene Ansprüche bräuchte.
    Ich hatte am letzten Wochenende in einem Seminar zu Schulentwicklungsprozessen und der Grundlegenden Ordnung des schulischen Teils des Bildungsystems eine ähnliche Fragestellung, nämlich: handeln wir in dem Wissen die Situation richtig einzuschätzen oder ist es nicht viel mehr eine „angenommene“ Expertise?

    Wenn Nutzerinnen und Nutzer verschiedene Sichtweisen zu eigenem Handeln und eigenen Wünschen haben, ist es nicht an uns eine angenommene Mehrheitsentscheidung umzusetzen, sondern Wünsche in ihrer Vielfalt angemessen umzusetzen.

    Insofern empfinde ich den Satz: „Um das zu tun, muss man vielleicht seine Haltung ändern – sich nicht als Regel-Wächter, sondern als Ermöglicher verstehen.“ als sehr treffend formuliert.

    • Es ist nicht so, dass leise Nutzer und Nutzerinnen nicht zur sozialen Interaktion fähig sind, sie sind nur so rücksichtsvoll, ihre soziale Interaktion nicht im Lesesaal, sondern z.B. in der Caféteria stattfinden zu lassen, und was die Äußerung ihrer Wünsche betrifft, sie sind halt offenbar eine Minderheit, über deren Bedürfnisse drübergefahren wird – gerade erst gestern wurde mir in einer wissenschaftlichen Bibliothek, deren Bücher man nur in wenigen Sonderfällen nach Hause nehmen kann, und im Regelfall nur dort im Lesesaal lesen kann, gesagt, dass es zumutbar wäre, wenn in einem solchen Raum keine zwanzig Minuten durchgehende Ruhe herrscht, weil die Tür offen ist, und man Geräusche von allen Seiten hört, die zudem durch die Akustik noch extrem verstärkt werden – Gespräche aus dem Nebenraum hören sich an wie Brüllen, Klavierspiel hört man durch die Wand, Geräusche vom Hof durch die Fenster, und im Saal selbst wiederholt Handygeklingel und Getuschel benachbarter LeserInnen, sowie meist mindestens 5 Minuten dauernde Informationsgespräche (zwischen Mitarbeitern und Leserinnen) und zeitweise auch noch Poltern durch Arbeitsgeräusche. Der Saal ist so klein, dass man so ziemlich alles davon an jedem Platz hört. Und da soll man daneben konzentriert arbeiten können.

  4. Wir haben unsere NutzerInnen wiederholt befragt und stehen in ständigem Austausch. Der Ruf nach „Ruhe“ ist der, der immer wiederkehrt. Ein Zitat aus der letzten Nutzerumfrage (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:960-opus-2895 – Anhang B, S.4)

    „Das Angebot, dass in die Bibliothek endlich Ruhe einkehrt. Es ist zu laut!!!!!!!!!!! Ich lerne seit 2 Semestern nicht mehr in unserer Bibliothek, weil sich keiner daran hält still zu sein. Ich finde Gruppenlernen soll in der Bibliothek abgschafft werden, dafür ist das Gebäude zu klein.“

    Ein anderes Beispiel von unserem Flipchart für Nutzerwünsche:
    https://twitter.com/#!/fhh_bib/status/114281728411049985

    Wir haben einen Gruppenarbeitsbereich und einen Stillarbeitsbereich. Das „Konzept Lesesaal“ im Stillarbeitsbereich wird von NutzerInnen gewünscht, und zwar sehr deutlich. Sie wollen nur verständlicherweise nicht ständig selbst damit beschäftigt sein, für Ruhe zu sorgen. Daher wünschen sie sich, dass dies vom Personal unternommen wird.

    Das hat nichts mit Entmündigung oder der Absprache der Kommunikationskompetenz zu tun. Wenn wir also mit dem „Psst!“ durch die Gänge ziehen, fußen wir dabei nicht auf angenommener Expertise, sondern handeln nach den Wünschen der NutzerInnen. Also lassen wir die Nutzer den Raum eigentlich selbst bestimmen. Wir kümmern uns nur um die Durchführung.

  5. Die Umfrage gefällt mir.

    Die Frage nach der Lautstärke ist ja ein durchaus schwieriges, weil schwer einzugrenzendes Problem. Welche Lautstärke bedeutet ab wann für wen eine Belästigung und ab welcher Zahl an still Arbeitenden entsteht prinzpiell immer Lärm, eben weil nie alle gleichzeitig still sein werden? Diese Fragen waren für mich der Ansatz das „Konzept Lesesaal“ zu hinterfragen. Offensichtlich war ja in der Umfrage doch eine klare Mehrheit zufrieden mit der Lautstärke. Aber da wir ja in Zukunft viel weniger Bücher in unseren Bibliotheken haben, ergeben sich ja vielfältige Möglichkeiten für Arbeitsräume ;)

    PS Das Teilen von Räumen ist prinzipiell ja immer die einfachste Lösung zur Verringerung eines Lärmpegels.

  6. @Martin: Wow, die Idee, das Problem spieltheoretisch zu lösen, fasziniert mich. Ich habe zugegebenermaßen keine Ahnung davon, aber ich werde mich bei uns ander Hochschule mal umhören, ob da jemand Lust auf das Bibliotheksthema als praktisches Anwendungsfeld hat.

    @CH: Naja, ich finde schon, dass unsere NutzerInnen zum Teil einfach Fakten schaffen. Laut trumpft leise – und auch wenn mein Beitrag vielleicht nicht so klingt, finde ich durchaus, dass wir sowohl für Kommunikations- als auch für Ruhebedürfnisse Angebote machen sollten. Wie @DonBib schreibt und auch der NZZ-Autor erkannt hat, ist eine überzeugende Zonierung der Arbeitsplätze sicherlich die beste Lösung, die wir in Bibliotheken anbieten können. *Wenn* wir es denn können – mal eben schnell wird sich eine Trennwand wohl kaum irgendwo einrichten lassen, leider.

  7. Hallo Anne,

    mit der klaren Zonierung versuchen wir das hier in Dotrmund seit einer Weile:
    http://www.ub.tu-dortmund.de/ubblog/ruhezonen_zentralbibliothek
    Dass wir heute nicht mehr mit „you talk, you die“ auftreten können, ist eh klar. Dass es unter den Nutzenden eine Selbstregulierung geben muss, ist schon aus praktischen Gründen unvermeidlich. Mit vielen Personen sollten wir in großen UB auch roven? Christian, da habt Ihr in Hannover natürlich auch andere Rahmenbedingungen.

    Dennoch hat Christian insoweit recht, als die Nutzenden von uns Rahmenbedingungen erwarten dürfen (so wie in unserem Blogbeitrag Nutzende darauf hinweisen, dass zur Lärmsituation auch die kaputte Klimaanlage gehört). Wer den ganzen Tag konzentriert arbeiten möchte, will nicht alle fünf Minuten irgendwen zur Ruhe ermahnen müssen. Das erwartet sie/er schon von uns.
    Gruss
    jk

  8. Wir haben (momentan noch) keinen Gruppenarbeitsraum, was bisher auch noch nie ein großes Thema war. Aber ab diesem Semester schon, da wir ziemlich überrannt wurden von Studenten. Bis wir so einen Raum einrichten können (einfach ein Platzproblem), müssen eben auch Referategrüppchen am großen Arbeitstisch sitzen (s. hier:
    http://www.facebook.com/photo.php?fbid=288128077875606&set=pu.140271602661255&type=1&theater
    oder sich an den Arbeits-PCs zusammen setzen. Am Anfang des Semesters bin ich oft aufgestanden und habe um Ruhe gebeten, bis es mir einfach zu doof war. Also habe ich den Studierenden gesagt, sie seien ja alt genug und könnten die Lautstärke auch gut unter sich regeln – und das läuft eigentlich ziemlich gut. Wenn es zu laut wird, kommt nun regelmäßig von den Studierenden selbst ein „pssst!“ und es wird wieder leiser. Keine Totenstille – aber „Arbeitsstille“.

  9. Pingback: Gelesen in Biblioblogs (49.KW’11) « Lesewolke

  10. ich hab mich mal mit einer Kollegin am Infoschalter unterhalten und wurde dann von einer Studentin aufgefordert, die Klappe zu halten – es geht also auch umgekehrt ;-)

  11. Was mich bei dieser Sache immer umtreibt, ist auch die Erfahrung als Nutzer von Bibliotheken: Ich empfinde das scheinbar rücksichtsvolle Flüstern als ziemlich störend, insbesondere wenn es lange geht. Hingegen empfinde ich eine leise Unterhaltung eher als angenehmes Hintergrundgeräusch, bei dem ich gut weghören bzw. mich konzentrieren kann. – Die Diskussion dreht sich aber immer um „Alles oder Nichts“, wahrscheinlich, weil man es gut verregeln kann. Oder wie wäre ein Schild „Bitte sprechen Sie mit verhaltener Stimme!“?

    Und manchmal geht es gar nicht anders, und auch das entlastet. So ist eine meiner nettesten Lesesaal-Erinnerungen jene an die Wochen, wo ich an einer von einer Reihe von Mikrofilmsichtgeräten, die gar nicht anders gingen als kreischend, da die Rollen ausgeschlagen waren (KREISCH..da..da..KREISCH..da..da..KREISCH..). In der Nähe war eine fröhliche Lerngruppe von Juristen, die sich normal unterhielten und mit Papierbällchen bewarfen. Was hätte da wohl ein Schild „Bitte Ruhe!“ bewirken können?! – Ich überlege gerade, was das im Rahmen dieser Debatte bedeuten könnte? Lautsprecher mit gedämpftem Hintergrundgeräusch aufhängen? ;-)

    Bezüglich der Debatte darum, wer für Ruhe sorgen muss, wäre meine Lösung das Subsidiaritäts-Prinzip (klingt gut, gell?) Das kommt aus der Sozialpolitik und besagt, dass immer die Instanz zum Zuge kommen soll, die näher am Problem ist. Deshalb sollten zuerst einmal Nutzer/innen unter sich das zu regeln versuchen; falls das nicht geht, ist dann in der Tat das Personal dran.

    • Der Vorschlag, die Nutzer untereinander regeln zu lassen, wie laut sie sich unterhalten (und was sie sonst noch so tun), und als Personal erst aktiv zu werden, wenn das nicht mehr gelingt, klingt theoretisch ganz gut. In der Praxis gibt es aber oft das Problem der fehlenden Aufsicht (z.B. bei Sonntagsöffnung, die ausschließlich mit studentischen Hilfskräften in der Leihstelle ermöglicht wird). Wenn nicht ein gewisses Grundniveau an ruhiger Arbeitsatmosphäre selbstverständlich üblich ist, haben diejenigen, die etwas geräuschempfindlicher sind, schon verloren. Für die bleiben dann die Randzeiten nach und vor Öffnung der Bibliothek. Sobald und solange die Mehrheitsfraktion anwesend ist, für die die Bibliothek primär sozialer Raum (sehen und gesehen werden) ist, muß man froh sein, wenn’s in der eigenen Wohnung ruhig ist und man die benötigte Literatur dorthin ausleihen durfte (oder sie via Internet ohnehin schon elektronisch verfügbar ist).

      Als Bibliothekar muß ich mich durchlavieren (welche Regeln braucht man, welche sind zeitgemäß und durchsetzbar, was wünscht die Mehrheit, wie geht man mit den Problemen einzelner Nutzer um etc.), als Nutzer bin ich inzwischen froh, wenn ich möglichst wenig auf die Bibliothek und ihre Lesesäle als Raum zum Lesen und Schreiben angewiesen bin.

  12. Danke für die sehr interessante Diskussion hier.

    Die Idee mit den Lautsprechern ist gar nicht so schlecht, wenn man nicht irgendwelche Hintergrundgeräusche damit verursacht. Man könnte in den Ruhezonen ein weißes Rauschen (http://de.wikipedia.org/wiki/Wei%C3%9Fes_Rauschen) abspielen: „Subjektiv hat weißes Rauschen auf das Gehör eine leicht betäubende Wirkung, so dass es sich als Methode zur Lärmbekämpfung etabliert hat – Lärm wird als weniger laut und störend empfunden, wenn man ihm weißes Rauschen überlagert.“ Eine Freundin von mir hat sich so ein Gerät zugelegt, weil sie zum Schlafen absolute Stille bevorzugt, aber Oropax sie nerven. Für sie war das die perfekte Lösung. Damit könnte man ggf. räumliche Schwachstellen (z.B. keine bauliche Trennung) abschwächen.

  13. @Dörte

    Sowas hätte ich gerne für manche Vorlesung früher gehabt :)

  14. Ich habe mir das „weiße Rauschen“ einmal angehört. Da ist mir Stimmengemurmel doch lieber. Nun, die Diskussion um Laut-Leise führen wir nicht nur in Bibliotheken, sondern auch in öffentlichen Verkehrsmittel, bei uns in der Innenstadt, in der Sauna bzw. im Ruheraum … und „täglich grüßt das Murmeltier“.
    Anyway … als Lösung für Lesesäle empfehle ich neben dem Ohrstöpselautomaten die Tisch-Montage oder Verleihung leicht zu tragender Kopfhörer (ähnlich wie im Flugzeug gegen geringes Entgelt), im Tonangebot etwas zwischen leichter Klassik, Jazz, Vogelgezwitscher, Lounge- oder Kaffeehausmusik, …

    P.S.: zwei Jahre hat es bei mir gedauert, bis ich mich an die nächtlichen Ohrstöpsel gewöhnt hatte. Ein Trost bleibt: in späteren Lebensjahren höre ich ohnehin weniger, gute Aussichten für die Zukunft. Mehr als der Lärm an sich nervt mich die Rücksichtslosigkeit bzw. Gedankenlosigkeit, die ich den Störenfrieden unterstelle. Derweil wurde vermutlich nur mein Reizfilter im Laufe des Lebens löchriger. Hm. Von was wohl?! ;-)

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