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Vom Sinn und Unsinn des „Tweetats“

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Unter den zahlreichen wissenschaftlichen Zitierstilen ist der der Modern Language Association (MLA) immer noch einer der meistgenutzten. So hat denn auch die Nachricht rasche Verbreitung gefunden, dass es im MLA Style nun eigene Regeln für das Zitieren von Twitter-Posts gibt. Demnach soll ein Tweet wie im folgenden Beispiel zitiert werden:

Athar, Sohaib (ReallyVirtual). “Helicopter hovering above Abbottabad at 1AM (is a rare event).” 1 May 2011, 3:58 p.m. Tweet.

Es werden also sowohl Username als auch der (angebliche) echte Name angegeben, dann folgt statt eines Titels der komplette Tweet. Datum und Uhrzeit werden so wiedergegeben, wie von der oder dem Zitierenden gesehen, auch wenn die Autorin oder der Autor des Tweets ihn in einer anderen Zeitzone gepostet hat. Am Ende des Literaturlisteneintrags steht die Angabe des Mediums, hier „Tweet“.

Nun könnte man sich darüber freuen, dass damit eine weitere Lücke im MLA Style geschlossen wurde. Man könnte aber auch argwöhnen, dass man es hier mit der Reglementierungswut ein wenig zu weit getrieben hat. Ich neige zu letzterer Ansicht und möchte kurz meine Kritikpunkte an der MLA-Regelung auflisten:

  • Wie bereits andere Kommentatoren festgestellt haben, wäre zusätzlich die Angabe des URL sinnvoll, da über die Twitter-Suchfunktion keine älteren Tweets gefunden werden können.
  • Wenn der Tweet-Text mit einem Anführungszeichen beginnt (was gar nicht so selten vorkommt), folgen in der Zitierung zwei Anführungszeichen direkt aufeinander. Das ist unschön, wäre aber sicherlich kein unüberwindbares Hindernis, zumal man bei Titeln von Zeitschriftenartikeln o.ä. dasselbe Problem hat; jedoch gibt es von MLA-Seite eben keine Aussage dazu.
  • Bestimmte Metadaten, die nur in der Twitter-Oberfläche (oder in einem Client) angezeigt werden, gehen verloren – vor allem, wer einen Tweet retweetet hat, oder die optionale Ortsangabe.
  • Das Medienschlagwort „Tweet“ ist schon ziemlich dreist. Üblicherweise unterscheidet man im MLA Style zwischen „Print“ und „Web“, und für einen Tweet könnte man genausogut „Web“ verwenden. Außerdem ist es nicht nachvollziehbar, warum nur Twitter ein eigenes Medium darstellen sollte, und die zahlreichen anderen Microblogging-Dienste nicht, bloß weil diese (derzeit) weniger Nutzerinnen und Nutzer haben.
  • Überhaupt kann man sich fragen, warum man für das Zitieren von Primärquellen (wie es z.B. eben Tweets sind) feste Regeln bräuchte. Das ist sicherlich eine Diskussion, die in jeder wissenschaftlichen Disziplin separat geführt werden muss. Das drohende Chaos beim Vermengen von Primär- und Sekundärquellenangaben sollte jedenfalls nicht unterschätzt werden.

[Foto von mikeyskatie, CC BY-SA]

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