Plan3t.info

Bibliothekarische Stimmen. Independent, täglich.

Die dritte Ordnung

| 2 Kommentare

Anfang März – Frühjahrsputz bei Infobib. Beim Aufräumen fand Christian Hauschke einen Lesetipp für Bibliothekswesen: „Das Ende der Schublade“ von David Weinberger. Weil ich Schubladen nicht mag, und dort deren Ende angekündigt wurde, schaute ich im Bibliothekskatalog nach, ob das Buch bei uns verfügbar ist. Das war es und hatte gleich eine neue Leserin gewonnen. Schon die Widmung amüsierte mich sehr: „Für die Bibliothekare“. Das Ordnen und Einsortieren von Medien und Informationen ist in Bibliotheken eben ein wichtiges Thema, deshalb möchte ich auf diesen Literaturtipp hier näher eingehen.

Der Autor beschäftigt sich ausgiebig und in einem, wie ich finde, unterhaltsamen Schreibstil mit der Frage, warum Menschen Dinge ordnen und wie. Interessant sind auch die Betrachtungen zu der Entstehung der verschiedenen Klassifikationen und Ordnungen, die uns heute selbstverständlich und natürlich erschienen, beispielsweise die alphabetische, es bei näherer Betrachtung aber nicht immer waren. Es gab sogar regelrechte Alphabetisierungsgegner. Auch Melvil Dewey und seine Weltsicht im 19. Jahrhundert kommen nicht zu kurz.

Weinberger erklärt an Beispielen, dass man physische Dinge eben nur an einen Platz legen oder stellen kann, man sich also für eine Einordnung entscheiden muss. Da gleiche gilt für Beiträge und Artikel in gedruckten Werken, beispielsweise Enzyklopädien. Auch ihnen muss ein Platz zugewiesen werden. Wobei mich das daran erinnerte, dass Bibliotheken manchmal gleiche Bücher an verschiedene Standorte, beispielsweise in den Freihandbereich und in die Lehrbuchsammlung stellen. Viele Leser können sich jedoch schwer vorstellen, dass der gleiche Titel an mehr als einem Standort stehen könnte und die Erleichterung ist groß, wenn man das gesuchte Buch, dann doch vorhanden ist.

Aber zurück zu den Schubladen. Zum Ordnen und Wiederfinden waren die Zettelkataloge gegenüber der rein physischer Sortierung oder Listen ein echter Fortschritt – die zweite Ordnung also. So richtig interessant wird es aber mit der dritten Ordnung – elektronischen Daten und Medien. Dazu muss man nämlich nicht mehr ordentlich sein. Wahrscheinlich wurde die dritte Ordnung für Leute wie mich erfunden, die es mit der physischen Ordnung einfach nicht so haben. Ein Ausdruck?! Bloß nicht – schicke es mir bitte als Datei! Einer Datei kann man einen Namen geben, Stichworte eintippen und sie später über die Suchfunktion des Computers wiederfinden. Einfach wunderbar!

Weinberger geht jedoch weiter. An Beispielen macht er deutlich, wie verschiedene Menschen ortsunabhängig an solchen Dateisammlungen mitwirken oder sie taggen, teilen, verlinken und darüber diskutieren können. Das ist die neue Dimension von Informationssammlung, -verbreitung, -austausch, bei der man außerdem richtig viel dazulernen kann. Und bei der ganzen ungeordneten Vielfalt ist es trotzdem möglich, benötigte Informationen zu finden, dank Schlagwörtern, Volltextsuche und Vernetzung. Das verändert auch die Gesellschaft.

Müsste so etwas nicht jeder wissbegierige Mensch lieben?! Besonders die Informations- und Datensammlungen, an denen jeder mitwirken darf (Blogs, Wikis usw.) werden jedoch von manchen Leuten abgelehnt. Das entzieht nämlich denjenigen die Macht, die bisher entscheiden durften, welche Informationen der Fach- oder Weltöffentlichkeit in welcher Form präsentiert werden oder die damit Geld verdienen bzw. die ein altes System verteidigen, welches ihnen selbst zu Status und Anerkennung verholfen hat. Aber mit der letzten Einschätzung sind wir ja schon nicht mehr bei Weinberger sondern bei Pierre Bourdieu.

Das berühmteste Gemeinschaftswerk ist Wikipedia. Hier geht man ganz fortschrittlich mit Mängeln um, indem umstrittene Artikel gekennzeichnet werden. Auf die Frage, ob Neutralität gegeben sei, zitiert Weinberger den Wikipedia-Gründer Jimmy Wales „Ein Artikel ist neutral, wenn die Leute ihn nicht mehr ändern.“ (S. 164).

Die Informationen im Netz der 3. Ordnung werden nicht vorfiltert, man muss selbst entscheiden, was man glaubwürdig und wichtig findet. Jeder kann sich aus dem Chaos seine eigene Ordnung zusammen stellen, beispielsweise in einer Linksammlung, einem Literaturverwaltungssystem oder einer Zusammenfassung in einem eigenen Blog usw. Es ist möglich, die Informationskanäle gezielt zu filtern, entsprechende Blogs, Twitterer, Facebookseiten und -freunde als Quellen auszuwählen. Die Frage ist, ob man es diese Informationsflut mit ihren vielfältigen Möglichkeiten als Last oder als Bereicherung empfindet? Ich sehe sie als Bereicherung, die außerdem Spaß macht!

Das Buch „Das Ende der Schublade“, welches die Vorteile der dritten Ordnung im digitalen Zeitalter vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung von Ordnungssystemen auf den Punkt bringt, hat mich jedenfalls sehr begeistert. Ich empfehle es gern weiter. Als Gegenpol möchte ich an dieser Stelle auf die Sichtweise von Dr. Thomas Hilberer verweisen, der sich eher „durch die 300 Seiten seines Buchs gequält hat“. Abschließend noch der Link auf eine Leseprobe, die ich im Netz gefunden habe.

Autor: lesewolke

Bibliothekarin und Bloggerin (weitere Beiträge)

2 Kommentare

  1. Die Ordnungslehre Weinbergers ist ja auch keine völlig neuartige Erfindung, sondern stützt sich auf Vordenker/-innen wie Ludwig Wittgenstein oder Eleanor Rosch (was Weinberger auch nicht verhehlt). Daß derartige Themen nicht im bibliothekswissenschaftlichen Studium gelehrt werden, ist bedauerlich.

  2. Gelesen und für so… naja, geht schon befunden.
    Interessant ist, dass Weinberg die FRBR erwähnt, aber auch gleich wieder als überholt darstellt. Sollte „uns“ (als Bibliothekswesen) zu denken geben oder hat er einfach mal Unrecht?
    (Ansonsten verbleibt er auffällig auf der Oberfläche der Daten. Was okay ist, weil er ja erstmal einen Punkt machen will. Aber wenn er immer so begeistert davon erzählt, wie diese oder jene Website Daten ordnet, fällt schon auf, dass er sich keine Gedanken darum macht, wie diese Daten technisch geordnet werden — dies interessiert ihn nur bei den nicht-elektronischen Beispielen, wie halt Bibliotheken. Das scheint mir eine Schwäche des Buches, den selbstverständlich wären auch die Algorithmen kein Wundernwerk, sondern zu beschreiben. Und wenn man das tut, dann schaut sein 3. Ordnung auch nicht viel anders aus, als die Ordnung, die FRBR ermöglichen will.)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


zwanzig + 1 =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.